"Offene Weite - nichts von heilig."

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Montag, 25. April 2011

Leiden und Mitleiden

Der Wille zum Leiden und die Mitleidigen.
"Ist es euch selber zuträglich, vor allem mitleidige Menschen zu sein? Und ist es den Leidenden zuträglich, wenn ihr es seid?

Doch lassen wir die erste Frage für einen Augenblick ohne Antwort. – Das, woran wir am tiefsten und persönlichsten leiden, ist fast allen anderen unverständlich und unzugänglich: darin sind wir dem Nächsten verborgen, und wenn er mit uns aus einem Topfe ißt. Überall aber, wo wir als Leidende bemerkt werden, wird unser Leiden flach ausgelegt; es gehört zum Wesen der mitleidigen Affektion, daß sie das fremde Leid des eigentlich Persönlichen entkleidet – unsre »Wohltäter« sind mehr als unsre Feinde die Verkleinerer unsres Wertes und Willens.

Bei den meisten Wohltaten, die Unglücklichen erwiesen werden, liegt etwas Empörendes in der intellektuellen Leichtfertigkeit, mit der da der Mitleidige das Schicksal spielt: er weiß nichts von der ganzen inneren Folge und Verflechtung, welche Unglück für mich oder für dich heißt! Die gesamte Ökonomie meiner Seele und deren Ausgleichung durch das »Unglück«, das Aufbrechen neuer Quellen und Bedürfnisse, das Zuwachsen alter Wunden, das Abstoßen ganzer Vergangenheiten – das alles, was mit dem Unglück verbunden sein kann, kümmert den lieben Mitleidigen nicht: er will helfen und denkt nicht daran, daß es eine persönliche Notwendigkeit des Unglücks gibt, daß mir und dir Schrecken, Entbehrungen, Verarmungen, Mitternächte, Abenteuer, Wagnisse, Fehlgriffe so nötig sind wie ihr Gegenteil, ja daß, um mich mystisch auszudrücken, der Pfad zum eigenen Himmel immer durch die Wollust der eigenen Hölle geht.

Nein, davon weiß er nichts: die »Religion des Mitleidens« (oder »das Herz«) gebietet zu helfen, und man glaubt am besten geholfen zu haben, wenn man am schnellsten geholfen hat! Wenn ihr Anhänger dieser Religion dieselbe Gesinnung, die ihr gegen die Mitmenschen habt, auch wirklich gegen euch selber habt, wenn ihr euer eigenes Leiden nicht eine Stunde auf euch liegen lassen wollt und immerfort allem möglichen Unglücke von ferne her schon vorbeugt, wenn ihr Leid und Unlust überhaupt als böse, hassenswert, vernichtungswürdig, als Makel am Dasein empfindet: nun, dann habt ihr, außer eurer Religion des Mitleidens, auch noch eine andere Religion im Herzen, und diese ist vielleicht die Mutter von jener – die Religion der Behaglichkeit. Ach, wie wenig wißt ihr vom Glücke des Menschen, ihr Behaglichen und Gutmütigen! denn das Glück und das Unglück sind zwei Geschwister und Zwillinge, die miteinander großwachsen oder, wie bei euch, miteinander – klein bleiben!

Aber nun zur ersten Frage zurück. – Wie ist es nur möglich, auf seinem Wege zu bleiben! Fortwährend ruft uns irgendein Geschrei seitwärts; unser Auge sieht da selten etwas, wobei es nicht nötig wird, augenblicklich unsre eigne Sache zu lassen und zuzuspringen. Ich weiß es: es gibt hundert anständige und rühmliche Arten, um mich von meinem Wege zu verlieren, und wahrlich höchst »moralische« Arten! Ja, die Ansicht der jetzigen Mitleid-Moralprediger geht sogar dahin, daß eben dies und nur dies allein moralisch sei – sich dergestalt von seinem Wege zu verlieren und dem Nächsten beizuspringen.
Ich weiß es ebenso gewiß: ich brauche mich nur dem Anblicke einer wirklichen Not auszuliefern, so bin ich auch verloren! Und wenn ein leidender Freund zu mir sagte: »Siehe, ich werde bald sterben; versprich mir doch, mit mir zu sterben« – ich verspräche es, ebenso wie mich der Anblick jenes für seine Freiheit kämpfenden Bergvölkchens dazu bringen würde, ihm meine Hand und mein Leben anzubieten – um einmal aus guten Gründen schlechte Beispiele zu wählen. Ja, es gibt eine heimliche Verführung sogar in alle diesem Mitleid-Erweckenden und Hilfe-Rufenden: eben unser »eigener Weg« ist eine zu harte und anspruchsvolle Sache und zu ferne von der Liebe und Dankbarkeit der anderen – wir entlaufen ihm gar nicht ungern, ihm und unserm eigensten Gewissen, und flüchten uns unter das Gewissen der anderen und hinein in den lieblichen Tempel der »Religion des Mitleidens«.
Sobald jetzt irgend ein Krieg ausbricht, so bricht damit immer auch gerade in den Edelsten eines Volkes eine freilich geheim gehaltene Lust aus: sie werfen sich mit Entzücken der neuen Gefahr des Todes entgegen, weil sie in der Aufopferung für das Vaterland endlich jene lange gesuchte Erlaubnis zu haben glauben – die Erlaubnis, ihrem Ziele auszuweichen – der Krieg ist für sie ein Umweg zum Selbstmord, aber ein Umweg mit gutem Gewissen. Und, um hier einiges zu verschweigen: so will ich doch meine Moral nicht verschweigen, welche zu mir sagt: Lebe im Verborgenen, damit du dir leben kannst! Lebe unwissend über das, was deinem Zeitalter das Wichtigste dünkt! Lege zwischen dich und heute wenigstens die Haut von drei Jahrhunderten! Und das Geschrei von heute, der Lärm der Kriege und Revolutionen soll dir ein Gemurmel sein!

Du wirst auch helfen wollen: aber nur denen, deren Not du ganz verstehst, weil sie mit dir ein Leid und eine Hoffnung haben – deinen Freunden: und nur auf die Weise, wie du dir selber hilfst – ich will sie mutiger, aushaltender, einfacher, fröhlicher machen! Ich will sie das lehren, was jetzt so wenige verstehen und jene Prediger des Mitleidens am wenigsten – die Mitfreude!"
Ein Auszug aus der neuesten Ausgabe von
 Lotus in the fire
May and June 2011
(von Muho)
Den vollständigen Text finden Sie auf http://antaiji.dogen-zen.de/eng/201105.shtml

Sonntag, 10. April 2011

Zen-Meister Muho, Abt des Zen Klosters Antaiji in Japan


kommt im Juli 2011 nach Saarbrücken.
Am 27.07.2011 hält er ein Teisho, eine Art Vortrag, zu dem Thema "Zen für die Küche des Lebens". Es besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Das Thema basiert auf dem "Tenzo Kyokun", den Anweisungen für den Koch in einem Zen-Kloster von Zen-Meister Dogen Zenji (1200-1253).
Das Tenzo Kyokun ist Teil eines Regelwerkes über das praktische Leben des Alltags; ursprünglich für das Leben der Klostermönche bestimmt.
Die nachfolgenden Zen-Meister haben jedoch sehr schnell erkannt, dass die Anweisungen für den Koch keinesfalls nur wörtlich zu nehmen sind. Sie sind eine Anleitung für jede Frau und jeden Mann, die den Weg des Zen gehen wollen.

Wie koche ich mein Leben mit Zazen?

"Leben ist keine feste Sache, keine Substanz, sondern jede Handlung unseres täglichen Lebens."
"Was immer Euch begegnet, ist euer Leben."

Beide Zitate entstammen aus dem Buch "Zen für die Küche und das Leben" von Kosho Uchiyama Roshi, einem der früheren Äbte des Klosters Antaiji, dem jetzt Abt Muho vorsteht.

Am 28.07.2011 wird Abt Muho in Saarbrücken ein Zazenkai, also eine ganztägige Zen-Übung in der Stille leiten. An diesem Zazenkai kann jede Frau und jeder Mann, auch ohne Meditationserfahrung, teilnehmen. Voraussetzung ist nur, die Stille und sich selbst aushalten zu können.

Nähere Informationen zum Veranstaltungsort und zu den Anfangszeiten in Kürze hier.

Montag, 4. April 2011

Bücher- und Videoliste

Der Mensch ist neugierig und will auch mal was lesen. Alle Bücher gibt es nicht nur online.
Der Buchhändler vor Ort freut sich auch, Ihnen diese Bücher zu verkaufen.
Deshalb keine Links zu den bekannten Online-Händlern. Die kennt ja jeder.
Hier eine kleine und natürlich subjektive Auswahl zum Thema "Zen" mit dem notwendigen Blick über den Gartenzaun:

Zazen oder der Weg zum Glück von Abt Muho, rororo Taschenbuch, 2007
Wir alle sind auf der Suche nach Glück - doch was macht Glück eigentlich aus?
Muho meint: "Glück bedeutet loslassen."

Zen für Küche und Leben von Kosho Uchiyama Roshi, Angkor Verlag 2007
Interpretation des Tenzo Kyokun (Anweisung für den Koch) von Meister Dogen.
Kein "Kochbuch" der üblichen Art. Hier geht es um Rezepte zur Lebensführung für jederfrau und jedermann. Wie koche ich mein Leben?

Das Leben meistern mit Zazen von Kosho Uchiyama, Angkor Verlag 2008
Ein Einstieg in die Welt des Zen für Anfänger. Wie kann man seine Gedanken loslassen?
Das Atmen beim Zen. Über Spielzeuge, Spielereien und die Realität des Seins.

An Dich: Zen-Sprüche von Kodo Sawaki, Angkor Verlag März 2011
"Jeder einzelne von uns wird mit der Welt geboren und stirbt mit der Welt.
Denn jeder lebt mit seiner eigenen Welt."

Zen ist die größte Lüge aller Zeiten von Kodo Sawaki, Angkor Verlag 2005
"Alle machen sich lustig, weil du ein Nichtsnutz bist? Du musst dich nur selbst finden. Finde deine eigenen, persönlichen Stärken. Gründe dich fest auf dich selbst, ruhe stabil in dir selbst."

Zen-Geist  Anfänger-Geist von Shunryu Suzuki, Theseus Verlag, 2002
"Wenn ihr in der richtigen Weise, mit dem rechten Verständnis sitzt, dann gewinnt ihr die Freiheit des Seins, obwohl ihr nur eine zeitliche Existenz seid."

Philosophie des Zen-Buddhismus von Byung-Chul Han, Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart, 2002
Byung Chul Han ist Professor für Philosophie und Medientheorie an der Uni Karlsruhe und philosophiert hier über die (zen-buddhistische) Religion ohne Gott, Leere, Niemand, Nirgends wohnen, den Tod und die buddhistische Freundlichkeit.
Er vergleicht den Zen-Buddhismus mit der Philosphie von Platon, Leibnitz, Fichte, Hegel Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger; ohne jedoch philosophische Laien zu langweilen. Im Gegenteil, man bekommt Lust darauf, die genannten, westlichen Philosophen kennen zu lernen. Japanische Haikus, z.B. von Meister Basho, versetzen die/den Leser/in in die richtige Stimmung.

Und jetzt der Blick über den Gartenzaun:
Bevor ich war, bin ich von Sri Nisargadatta Maharaj, Noumenon Verlag, 2011
"Das Wissen, dass Sie sind, ist Gott. Ehren Sie das, dann
werden Sie eines Tages realsieren, dass Sie kein Individuum sind.
Sie werden erkennen, dass Sie das universelle Bewusstsein sind,
das nicht leiden kann; für dieses Bewusstsein gibt es keinen Schmerz
und kein Vergnügen. Zu dieser Kenntnis werden Sie nicht durch den Intellekt
kommen. Die Meditation wird durch das Bewusstsein selbst getan."

Das Buch der Spontaneität - Über den Nutzen der Nutzlosigkeit und die Kultur der Langsamkeit
von Meister Zhuangzi, Windpferd Verlagsgesellschaft, Edition Schneelöwe, 1.Auflage 2008
"Fröhlichkeit und Zorn, Kummer und Freude, Sorgen und Bedauern, Zaudern und Verzagtheit, Unsicherheit und Verzweiflung, Offenheit und Betroffenheit. Sie alle sind wie das Klingen von leeren Röhren, wie Pilze, die aus bloßer Feuchtigkeit sprießen.
Tag undNacht wechseln sie sich in uns ab, doch niemand weiß, woher sie kommen.
Genug! Genug! Im Augenblick, wo du Dies erfasst, begreifst du, woher sie kommen!"

"Sitzen und Vergessen", (...) "Sitzen in Versunkenheit" (...) - "ist der Königsweg der Annäherung an das Nichthandeln, in dem nichts ungetan bleibt".

...wird fortgesetzt